Hauptsache:Mensch

Lieber Herr Degen,

gerne erzähle ich "unsere Geschichte" um anderen Menschen Mut zu machen:

Thomas war mit 1 1/2 "sauber", kurz nach Eintritt in den Kindergarten begann er mit Einpiseln und Einkoten und zwar nur tagsüber. Er war gereizt und weinerlich. Er schlief keine Nacht durch und war von Alpträumen geplagt. Ein Besuch in dieser Angelegenheit beim Kinderarzt führte dazu, dass wir für die Nacht ein Schlafmittel erhielten und für tagsüber ein Beruhigungsmittel, damit das Kind wieder in seine natürlichen Rhytmus finden kann. Geholfen hat es nicht wirklich, wahrscheinlich auch deswegen, weil wir Eltern uns weigerten unserem dreijährigem Kind ein Schlafmittel zu verpassen. Wir bekamen Ergotherapie verschrieben, die nichts half. Einen anderen Ratschlag hatte der Kinderarzt nicht parat. Also ging die Suche weiter. Wir gingen zu einer Heilpraktikerin, die etwas helfen konnte. Thomas ging zumindest für das große Geschäft wieder auf die Toilette, die Nächte wurden ruhiger, er kam aber weiterhin jede Nacht zu uns ins elterliche Bett. Er war nach wie vor ein sehr weinerliches, trauriges, unglückliches Kind. Nichts machte ihm lange Freude, alles war zu langweilig und traten Schwierigkeiten auf waren alle anderen Schuld, statt daß er versucht hätte das Problem zu lösen. Man ist ja froh um jeden Erziehungstip und der Kinderarzt gab uns das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" zur Hand. Wir hatten trotz 4 Wochen Programm keinen Erfolg und glauben Sie mir, ich war hartnäckig beim Durchhalten, der Kinderarzt hat uns versichert, wir würden alles richtig machen. Nach diesen 4 Wochen waren wir am Ende. Schließlich hatte ich noch ein Stillkind. Also Thomas schlief weiterhin jede Nacht bei uns im Bett und wir lebten mit täglichem Einpiseln. Als Eltern gaben wir uns die Schuld und wir begannen ein Familientherapie, die wir erfolgreich absolviert haben. Sie tat uns vielen Dingen sicherlich gut, jedoch das Problem mit Thomas bekamen wir dadurch auch nicht in den Griff. Als Thomas 5 Jahre alt war, hatten wir einen schweren Autounfall, bei dem Thomas so schwere Hüftprellungen erlitten hatte, dass er 2 Wochen nicht das Bett verlassen konnte, alle Krankengymnastik half nicht - die Hüfte war verschoben. Von da an verweigerte Thomas wieder jeden Toilettengang. Da wir bereits vorher das Programm "Jede Kind kann sauber werden", ein Ratschlag vom Hausarzt abgearbeitet hatten und nun auch wieder einkoten hinzukam (er schlief immer noch jede Nacht in unserem Bett), beschlossen wir einen Psychologen aufzusuchen. Dieser führte mit uns ein Trainingsprogramm durch, Eieruhr stellen und das Kind muss jede Stunde zur Toilette gehen. Dies half bedingt, aber Thomas fühlte sich durch diese Uhr gedemütigt vor den anderen Kindern und er verweigerte als bald den Gang zur Toilette und das Geschäft landete erst in der Hose. Thomas war weiterhin unglücklich, schlief jede Nacht bei uns im Bett, galt als "Hosenscheisser" und kam in die Schule. Hier wurde die Situation nicht besser, eher schlechter. Der Psychologe erklärte uns nun,das Kind sei hochbegabt (stimmt - wurde getestet) und die geistige Unterforderung führe zum Einpiseln und Einkoten, wir sollen unser Kind besser fördern. Leider ist das immer leichter gesagt als getan und auch eine spezielle Förderung änderte nichts an der Tatsache, dass Thomas Hosen nass und eingekotet von der Schule nach Hause kamen, auch jetzt in der 2. Klasse oder er als zufriedenes Kind angesehen werden konnte. Thomas litt selbst unter dieser Situation und begann auch noch mit Nägelbeissen. Als Eltern kann man da verzweifeln: Sie waschen 5 mal Hose und Unterhose pro Tag, sorgen dafür dass ihr Kind sauber ist, das ständig heult und ihnen auch noch Nachts den Schlaf raubt. Sie können nichts tun, dass er sich wirklich freut. Glauben Sie mir, wir haben Thomas sogar übers Knie gelegt (was man nicht tun sollte), denn gebracht hat es sowenig wie der ganze andere Rest. Mittlerweile haben wir durch private Nachforschungen herausgefunden, dass es eine Inkontinenzklinik in Villingen-Schwennigen gibt. Wir hätten dort Termin im Februar nächstes Jahr gehabt.

Selina war ein ruhiges braves Kind. Sie schlief immer in ihrem Bett, im Gegensatz zu Ihrem Bruder traute Sie sich viel zu, ging auch auf fremde Menschen vorsichtig aber bestimmt zu. Wenn Sie Vertrauen fasste, blieb sie auch dort - ganz ohne Mama, Papa oder Bruder. Doch ab und an erklärte Selina - insbesondere Abends wenn wir sie zu Bett brachten, eigentlich würde Sie viel lieber bei den Engeln sein als bei uns. Wir haben uns nichts dabei gedacht, schließlich war sie ein liebes Kind, wir hatten genug mit Thomas zu tun (sicherlich kam dabei unser Mäuschen manchesmal zu kurz) und welches Kind (selbst Erwachsene) wünscht nicht manchmal an einen schöneren Ort. Dann kam der Autounfall, 4 Wochen bevor Selina 3 Jahre alt wurde. Sie hatte ein schwere Lungenquetschung und wurde als Komapatienten 10 Tage lang auf der Intensivstation in Stuttgart im "Olgäle" behandelt. Bei einer Lungenwaschung haben die Ärzte sie fast verloren. Es war grauenhaft, auch für uns Eltern, zum Glück besuchten wir die Familientherapie, diese war uns in dieser Zeit eine große Stütze, damit wir miteinander klar kamen, schließlich hatte ich als Mutter diesen Unfall verursacht und ich fühlte mich schuldiger denn je, auch meinem Mann und meinen Kindern gegenüber. Selina kam durch, wir wurden nach Göppingen verlegt. Der erste Tag frei von allen Kabeln und Schläuchen, Selina sprach nicht, aber wir dachten wegen der Halsschmerzen durch den Tubus, es stellte sich jedoch heraus, dass Selina gar nicht mehr sprach, weder mit Mutter, noch mit Vater oder mit ihrem Bruder - schon gar nicht mit dem Pflegepersonal. Sie strahlte zwar jeden an, sprach aber kein Wort mehr! Wir wurden nach Hause entlassen, mit dem Hinweis einen Kinderpsychologen aufzusuchen. Was wir auch taten, denn für Selina begann die Kindergartenzeit, ich musste wieder arbeiten gehen, meine Elternzeit war vorbei und es war alles zusammen fast zuviel für die Kleine und den Rest der Familie. Wir begannen uns mit Zeichensprache zu verständigen, 2 x Schenkelklopfen, ich muss aufs Klo, Glas bringen, ich habe Durst, Gabel hochhalten, ich möchte noch etwas zu essen. Was dann noch zusätzlich kam, brachte meinen Mann und mich fast um den Verstand. Selina bekam Wut- und Bockanfälle aus dem Nichts. Sie hatte Wein- und Schreikrämpfe und dank Psychologe bekamen wir dies eingermassen in den Griff. So langsam fand sie auch ihre Sprache wieder. Aber aus unserem ehemals "normalen" Kind, wurde ein Mamakind, das jede Nacht zu uns ins elterliche Bett kam (also schon 2 Kinder), die sich nirgends mehr hintraute, nichts über sich persönlich sprach, Unbekannten gegenüber überhaupt nichts sagte, sie lieber zu Hause war als alte Freunde zu besuchen. Wenn wir irgendwohin gegangen sind, mussten wir dies immer rechtzeitig anmelden, damit sie sich darauf einstellen konnte sonst bockte und tobte sie. Sie kannte beim Essen kein: Jetzt ist es genug, es war als würde sie die ganze Wut und den Frust nicht nur seelisch gesehen in sich hineinfressen sondern auch tatsächlich durch Ess- und Süssigkeitenkonsum dies bewältigen und das schlimmste kam noch; an vielen Abenden erklärte sie uns: Ich wünschte ich wäre tot, dann könnte ich jetzt bei dem goldenen Mann sein. Auch der Psychologe konnte uns in diesen Punkten nicht weiterhelfen. Wir mussten einfach damit leben. Selina kam zur Schule. Wir dachten wir hätten dass mit dem Sprechen soweit bewältigt, dass wir Selina ohne "Vorbelastung" zum Unterricht schicken können, bis die Lehrerin uns darauf ansprach, dass Selina zwar am Unterricht teilnimmt, sachlich immer antwortet aber persönliche Fragen überhört, bzw. nicht antwortet. Sie hätte sogar den Stuhlkreis, samt Klassenzimmer verlassen, als sie sich zu Antworten gedrängt fühlte.

Die Geschicht drumherum:
Wir haben vor ca. einem halben Jahr 2 Kätzchen für unsere Kindern in unseren Haushalt geholt. Selina wollte Tiger haben (eine sehr ruhiger, geduldiger Kater) und Thomas Flecki (ein quirliger Zwerg, der wirklich alles erkunden musste). Allerdings hatte Flecki das Problem, dass er überall hin urinierte, wir stellten 4 Katzenklos auf, damit jeder Kater sein Geschäftchten getrennt verichten konnte, auf jedem Stockwerk Katzentoiletten, aber Flecki macht hin, wo es ihm gerade in den Sinn kam. Thomas meinte darauf hin, dass sich die Katze wohl ihm anpassen würde. Wie der Zufall es wollte, kam Besuch vorbei, die eben erst ihre Ausbildung zur Tierkinesiologin abgeschlossen hatte. Sie bat uns an, auf einem Wattestäbchen Spucke von Flecki mitzunehmen, sie würde sich der Sache annehmen. Gesagt getan, wir wussten zwar nicht was sie macht, aber egal - solange es hilft. Tatsache einen Tag später, Flecki ging zum Katzenklo! Zufall? Von da an täglich! Die Diagnose: Flecki hätte wohl sehr viel Gewalt in seinen ersten Wochen erfahren (wir haben nachgefragt - stimmt), und Flecki würde die Trauer einer ihm sehr nahstehenden Person tragen. Sie hätte ihn deswegen behandelt, denn eine Tier solle nicht die Stimmungen seines Menschen tragen, jedes Geschöpf wäre auf Erden selbst dafür zuständig. Für uns war klar, was so gut bei einer Katze hilft, muss doch auch bei Menschen helfen.

1. Behandlung von Thomas:
Thomas kam den ersten Tag nach der Behandlung nach Hause: "Es klappt!" waren seine Worte an der Haustür, damit war das Toilettengehen gemeint. Insgesamt wirkte Thomas wesentlich aufgeräumter und zufriedener. Er schlief immer noch nicht in seinem Bett, aber das mit Toilettengehen funktionerte, welch eine Erleichterung. Nach ca. 1 Woche kam es dann jedoch nochmal ganz dicke. Eingepiselt und Eingekotet während dem Schulunterricht. Ein kurzer Anruf und

2. Behandlung von Thomas:
Thomas war am nächsten Tag sehr traurig, er fühlte sich einsam und irgendwie komisch. Er weinte an diesem Tag auch noch einige Male - ohne Grund. Der Toilettengang lief auch noch nicht ganz rund, aber siehe da - tags darauf hatten wir ein neues Kind. Thomas geht zur Toilette (bis auf vereinzelte Ausnahmen), in der Schule passiert gar kein Missgeschick mehr. Er ist fröhlich und ausgeglichen. Er bleibt an seinen Spielsachen dran, bis er sie nach Wunsch aufgebaut hat. Die paar Mal Hosenwaschen nehmen wir gerne in Kauf, ca. 1 in 2 Tagen.

Behandlung von Selina:
Selina war nach der Behandlung von Thomas sehr ruppig ihm gegenüber und bekam wieder ganz massiv ihre Trotzanfälle, wie direkt nach dem Unfall. Sie weigerte sich auch, eine Behandlung bei durchzuführen. Nur unter sehr viel gutem Zureden ließ sie die Behandlung über sich "ergehen", von "sie macht mit" oder "sie steht hinter dieser Sache" konnte hier nicht die Rede sein. Bei Selina merkten wir erst nicht viel. Sie war ingesamt mürrisch und noch mehr in sich gekehrt, allerdings begann sie weniger zu essen, sie fragte nicht mehr ständig nach Nascherein und nahm innerhalb von 1 1/2 Wochen 2 Kg ab.

Was sonst noch geschah:
Durch einen tragischen Unglücksfall kam unser Kater Flecki zu Tode. Beide Kinder waren nicht ganz unbeteiligt daran und ich brauche ihnen nicht zu erzählen, was es für ein Kind bedeutet sein geliebtes Tier zu verlieren. Aber folgendes passierte:

Selina:
Nach der Beerdigung des Katers brach Selina in Tränen aus mit den Worten: "Mama, ich will nicht sterben, Mama ich will leben!" Seit diesem Tag geht Selina gern zur Schule, nimmt richtig am Schulleben teil. Sie besucht Mädchen aus ihrer Klasse, und wenn die eine nicht da ist, geht Sie zum nächsten Haus und klingelt, als wenn es das normalste der Welt wäre (ist es ja auch, war es nur 3 Jahre lang für sie nicht). Sie unterhält sich mit ihr "fremden" Personen und geht offen auf diese zu, ganz ohne Mama. Sie hält ihr Gewicht und ist glücklich und zufrieden. Sie schläft wieder in ihrem Bett. Was uns jetzt erst aufgefallen ist, Selina hatte immer sehr trockenen Haut und neigte auch gerne zu Ausschlag, auch dieses Problem haben wir nicht mehr.

Thomas:
Er geht zur Toilette, er schläft in seinem Bett, ganz langsam hört er mit Nägelkauen auf, seine schulischen Leistungen wurden besser und er ist ruhiger und ausgeglicher. Er wehrt sich gegen andere Kindern und kann nun ganz klar seine Grenzen aufzeigen.

Wir als Familie:
Mein Mann wurde ruhiger! Er geht von sich aus mehr auf die Kinder zu und ein! Ingesamt hat sich unser gesamtes Familienleben verbessert, da wir Eltern (als auch die Kinder) wieder ausgeschlafen sind und die Stressfaktoren um uns herum ausgeschaltet wurden.

 

Herzliche Grüße